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Bekenntnisse eines englischen Opiumessers
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Einleitung zu den Leiden des Opiums - 1
Du, liebenswürdiger und hoffentlich auch nachsichtiger Leser (denn meine Leser müssen schon nachsichtig sein, weil ich sonst fürchte, nicht auf ihre Liebenswürdigkeit zählen zu können), hast mich nun bis hierher begleitet, nun laß dich bitten, daß ich acht Jahre überspringen darf, also die Zeit von 1804, als ich zuerst Opium zu nehmen begann, bis 1812. Die Universitätsjahre waren vorbei und vorüber – fast vergessen. Die Studentenmütze preßt nicht mehr meine Schläfen; wenn sie noch existiert, dann drückt sie heute irgendeinen jungen Studiker, von dem ich hoffen will, daß er so glücklich wie ich ist und für das Studium so viel wie ich übrig hat. Mein Talar ist wahrscheinlich in demselben Zustande wie viele tausend ausgezeichneter Bücher in der Bodleian Library, eifrig durcharbeitet von gewissen studienfreudigen Würmern und Motten, oder vielleicht hat er seinen Weg zu dem großen Sammelplatz all der unzähligen Teekessel, -tassen und anderen Teegerätes gefunden, an die mich manchmal die gegenwärtige Generation von Teetöpfen erinnert, weil ich auch einmal einen besessen habe, über dessen spätere Schicksale ich aber nie etwas erfahren konnte. Die Schläge der Kirchenglocke, die ihre unwillkommenen Geräusche um sechs Uhr früh ertönen läßt, unterbrechen meinen Schlaf nicht mehr, und der Pedell, der sie zu läuten hatte, dessen wundervolle Nase (Bronze mit Kupfereinlagen!) mich zur Abfassung manchen griechischen Racheepigramms trieb, ist lange tot und kann niemanden mehr ärgern. Und ich und mancher andere, der unter seiner merkwürdigen Vorliebe für das Glockenläuten gelitten hat, sind übereingekommen, ihm zu verzeihen und ihm seine Sünden nicht nachzutragen. Selbst mit der Glocke habe ich Frieden gemacht. Sie läutet wahrscheinlich immer noch dreimal täglich; ärgert wohl noch immer grausam manchen »würdigen Gentleman« und vernichtet noch immer manchen Seelenfrieden. Mich aber erreicht jetzt im Jahre 1812 ihr scheinheiliger Ton nicht mehr – scheinheilig, weil sie mit raffinierter Bosheit solch süße, silberne Töne aussandte, als lüde sie zu irgendeinem Feste – ihre Töne können nicht mehr zu mir dringen, und hätte der Wind die günstigste Richtung, wie es die Bosheit der Glocke nur sich wünschen könnte – weil ich nun, zweihundertfünfzig Meilen weit fort, mich in die Einsamkeit der Berge vergraben habe. Was ich in den Bergen tue? – Ich nehme Opium. – Was sonst noch? – Nun, lieber Leser, in dem Jahre 1812, das wir nun erreicht haben, so gut wie manches Jahr vorher, studiere ich deutsche Metaphysiker: Kant, Fichte, Schelling. Und wie und auf welche Weise ich lebe? Was für ein Mensch ich eigentlich geworden bin? – – – Ich lebe in dieser Zeit meines Lebens in einem Bauernhause mit einem einzigen weiblichen Dienstboten ( Honni soit qui mal y pense), der bei meinen Nachbarn die »Haushälterin« heißt. Als studierter Mann mit guter Erziehung darf ich mich wohl der Klasse als unwürdiges Mitglied beizählen, die man ganz undefinierbar »Gentlemen« zu nennen pflegt. Meine Nachbarn halten mich hauptsächlich dafür, weil sie mich kein Geschäft betreiben sehen, also annehmen müssen, daß ich von meinen Zinsen lebe. Höfliche Leute reden mich in der Briefadresse nach gutem englischen Gebrauch mit »Esquire« an, was eigentlich vor den Augen des Heroldsamtes schwere Bedenken erwecken müßte. Sonst bin ich nichts, nicht einmal Friedensrichter oder Standesbeamter. Ob ich verheiratet bin? – Noch nicht! –
Ob ich noch Opium nehme? – Jede Samstagnacht! Und wahrscheinlich habe ich das, ohne zu erröten, seit »dem regnerischen Sonntage«, dem »stattlichen Pantheon« und dem »himmlischen Drogisten« von 1804 regelmäßig getan. Was meine Gesundheit bei diesem vielen Opiumgenusse angeht? Also kurz: »Wie geht es Ihnen?« »Oh, aber ganz ausgezeichnet! Danke der gütigen Nachfrage, lieber Leser!« muß ich antworten, wie eine Dame im Wochenbett: »Den Umständen nach vorzüglich!« Tatsächlich wage ich die volle und einfache Wahrheit zu sagen, obgleich ich, um die Theorien der Mediziner zu befriedigen, eigentlich krank sein müßte, fühlte ich mich nie im Leben besser als im Frühling 1812; und ich hoffe zuversichtlich, daß die Quantitäten von Claret, Portwein und echtem Madeira, die du, lieber Leser, in diesem Zeitraum von acht Jahren vertilgt hast, deiner Gesundheit so wenig geschadet haben als der meinigen das Opium, das ich in diesen acht Jahren, von 1804 bis 1812, genommen habe. Ich habe des würdigen Herrn Doktor Buchanan Rat befolgt und nie mehr als fünfundzwanzig Unzen Laudanum genommen. Dieser weisen Mäßigung habe ich es wohl zu verdanken, daß ich bis 1812 die rächenden Schrecken, die das Opium für alle die in Bereitschaft hat, die seine Sanftmut mißbrauchen, nie erfahren habe und nichts darauf schließen läßt, daß ich sie je kennenlernen werde. Dabei darf man aber nicht vergessen, daß ich bisher ein Dilettant des Opiumessens gewesen bin. Acht Jahre Praxis, mit dem einzigen Vorbehalte, daß ich nach jeder Gabe einige Zeit verstreichen ließ, haben es nicht fertig gebracht, daß mir das Opium unentbehrlich werden konnte. Nun aber kommt eine andere Ära; also, lieber Leser, wir sind jetzt im Jahre 1813. – Im Sommer des letzten Jahres hatte meine Gesundheit durch eine tiefe geistige Niedergeschlagenheit, die die Folge eines sehr traurigen Ereignisses war, gelitten.
Dieses Ereignis stand in keinerlei Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Stoffe und hatte auch keinerlei Einfluß auf die Krankheit, die mich in der Folge anfiel, so daß ich es hier übergehen kann. Ob die Krankheit von 1812 irgendwelchen Einfluß auf die von 1813 gewonnen hat, kann ich nicht entscheiden; aber in diesem letzten Jahre wurde ich von einem fürchterlichen Magenleiden ergriffen, das in jeder Weise dem ähnlich war, das ich in meiner Jugend hatte durchmachen müssen, und begleitet war von einer Wiederkehr der alten Träume. Dies ist der Punkt meiner Erzählung, an dem, zu meiner Rechtfertigung, alles, was ich in Zukunft zu erzählen haben werde, hängt, und hier finde ich mich in einem eigenartigen Dilemma. Entweder muß ich die Geduld meines Lesers durch das Eingehen in die Details meiner Krankheit oder meines Kampfes gegen sie erschöpfen, was genügen würde, die Tatsache zu beweisen, daß ich nicht länger fähig war, mit der Erregung und den andauernden Schmerzen zu ringen; oder andererseits setzte ich mich der Gefahr aus, wenn ich leichthin über diesen kritischen Teil meiner Geschichte hinweggehen wollte, daß meine Leser glauben würden, ich sei nach und nach, wie die meisten Opiumesser, vom ersten Stadium der Vorliebe in das letzte hinübergeglitten, eine Annahme, zu der sie nach meinen vorstehenden Bekenntnissen nur zu leicht geneigt sein könnten. Das ist das Dilemma, das vollauf genügen würde, den Leser von der weiteren Verfolgung meines Berichtes zurückzustoßen. Ich will also annehmen, lieber Leser, daß du mir glauben wirst.
Glaube mir also, ganz einfach, daß ich nicht länger zu widerstehen vermochte. Glaube es freiwillig und als einen Akt der Güte, oder wenn du das nicht kannst, glaube es aus Vorsicht...
Thomas de Quincey, Bekenntnisse eines englischen Opiumessers, Einleitung zu den Leiden des Opiums, Teil 1
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